Du hast alles versucht. Und genau das ist das Problem

Was du hier erfährst · ca. 5 Min. Lesezeit

Warum festgefahrene Situationen selten an der Lösung scheitern, sondern an der Frage, mit der wir starten

Wie derselbe Perspektivwechsel bei blockierenden Mitarbeitern und bei überkomplexen Prozessen wirkt

Welche Fragen sich öffnen, sobald der „Wie ändern wir das?”-Kreis durchbrochen ist

Es gibt Situationen, in denen alles ausgereizt wirkt.

Ein Mitarbeiter zieht sich zurück. Du hast ihn motiviert. Du hast das Gespräch gesucht, Erwartungen klar benannt, irgendwann vielleicht Druck aufgebaut. Nichts greift. Er ist anwesend und trotzdem nicht dabei.

Oder ein Prozess, den ihr schon dreimal überarbeitet habt. Jede Runde bringt neue Ausnahmen. Jede Runde macht ihn schwerfälligerr statt leichter. Keiner glaubt mehr richtig daran, und niemand sagt es laut.

Du kennst dieses Gefühl. Ich kenne es auch. Es ist der Moment, in dem du merkst: Was bisher funktioniert hat, funktioniert hier nicht.

Was wir in solchen Momenten tun

Beim Mitarbeiter greifen wir nach dem, was wir können. Wir motivieren. Wir konfrontieren. Wir holen die Performance-Karte raus, manchmal auch die menschliche. Wir wechseln den Ton, das Setting, die Argumente.

Beim Prozess machen wir dasselbe auf der Sachebene. Wir schauen auf Schritte und Schnittstellen. Wir streichen etwas, ergänzen etwas, ordnen Verantwortlichkeiten neu.

Beides bewegt sich auf derselben Ebene. Wir suchen eine bessere Antwort auf eine Frage, die wir nie hinterfragen: Wie ändern wir das?

Solange diese Frage den Blick führt, drehen wir an Stellschrauben. Mal lauter, mal sanfter, mal strukturierter. Und wundern uns, dass das System zurückkehrt.

Eine andere Frage

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Frage variieren und den Wahrnehmungsfilter wechseln.

Wenn aus „Wie motivieren wir ihn?“ ein „Wie fordern wir ihn?“ wird, haben wir die Methode getauscht. Der Filter bleibt gleich. Wir drehen uns im selben Kreis und sehen weiter ein Defizit, das wir beheben wollen.

Den Filter zu wechseln klingt zunächst harmlos. Statt „Wie ändern wir das?“ fragen wir: „Was schützt das hier gerade?“

Diese Frage tut etwas, was die erste nicht kann. Sie unterstellt, dass das Verhalten einen Zweck erfüllt. Nicht den Zweck, den wir uns wünschen. Einen, der für das System im Moment Sinn ergibt.

Die systemische Therapie nennt diese Bewegung Reframing. Paul Watzlawick und die Mailänder Schule haben sie bekannt gemacht: Ein Verhalten wird in einen Zusammenhang gestellt, in dem es plötzlich nachvollziehbar wird. Das NLP spricht von der positiven Absicht hinter dem Verhalten. Wenn jemand etwas hartnäckig wiederholt, schützt es ihn vor etwas, auch wenn es ihm zugleich schadet.

Dieselbe Annahme lässt sich auf Strukturen übertragen. Auch ein Prozess wiederholt sich. Auch eine Organisation hält an Mustern fest, die ihr schaden. Die Frage bleibt dieselbe.

Der Mitarbeiter, der nicht mehr andockt

Zurück zur ersten Szene. Wir fragen nicht mehr, wie wir ihn zurückholen.

Wir fragen, wovor sein Rückzug ihn bewahrt.

Vielleicht vor einer weiteren Enttäuschung, weil schon zu viele Anläufe ins Leere liefen. Vielleicht geht es um Würde in einer Phase, in der sich seine Rolle verschiebt und er nicht als verbrauchter Rest behandelt werden will. Vielleicht schützt der Rückzug ihn vor einer Auseinandersetzung, von der er glaubt, sie ohnehin nicht mehr gewinnen zu können. Manchmal ist es schlicht der Schutz vor Sichtbarkeit, weil Sichtbarkeit verletzbar macht.

Wir wissen nicht, welche dieser Vermutungen stimmt. Aber in dem Moment, in dem wir die Frage stellen, verändert sich unsere Haltung. Wir hören anders zu. Wir gehen anders in das nächste Gespräch.

Konkret heißt das: Wir schlagen keine Lösung mehr vor. Wir drohen nicht. Wir fragen ihn, was geschehen müsste, damit er wieder andocken kann.

Wir treten in Resonanz, statt zu urteilen. Wir umgehen die Beziehungsebene nicht länger, sondern betreten sie.

Diese Verschiebung ist klein. Und sie entscheidet darüber, ob überhaupt Bewegung möglich wird.

Der Prozess, der immer komplizierter wird

Bei der zweiten Szene passiert etwas Ähnliches. Wir fragen nicht, wie wir den Prozess vereinfachen.

Wir fragen, wofür wir ihn so kompliziert gemacht haben.

Jede Ausnahme erzählt von einer Eskalation, die sich nicht wiederholen sollte. Hinter mancher Kontrollinstanz steht eine Person, die einmal die Verantwortung getragen hat und seither abgesichert sein will. Und so manche Schnittstelle existiert, damit eine Abteilung von einer anderen nicht überstimmt werden kann.

Der überkomplexe Prozess ist selten ein Designfehler. Er ist die Ablagerung vergangener Konflikte. Jeder Schritt erinnert an einen Schmerz, den jemand einmal vermeiden wollte.

Wenn wir das sehen, lautet die nächste Frage nicht mehr, welche Schritte wir streichen. Sondern: Welcher Schmerz wird heute noch geschützt? Und welcher längst nicht mehr?

Plötzlich reden wir nicht über Prozessdesign. Wir reden über die Geschichte, die das Design hervorgebracht hat. Und genau dort liegt der Hebel.

Die Frage, die nach vorn zeigt

Es gibt eine zweite Bewegung, ohne die die erste in eine Falle läuft.

Wer nur fragt, was ein Verhalten oder eine Struktur schützt, versteht sie irgendwann so gut, dass er sie konserviert. Verständnis kann lähmen. Deshalb gehört eine Frage dazu, die in die andere Richtung zielt.

Wozu brauchen wir diesen Prozess überhaupt? Was soll er morgen liefern, das er heute nicht liefert? Worin liegt sein Nutzen, und für wen?

Und die Frage, die am meisten klärt: Was würde passieren, wenn es ihn nicht mehr gäbe?

Manchmal ist die Antwort ernüchternd. Es würde wenig passieren. Dann halten wir etwas am Leben, das seinen Zweck längst verloren hat. In anderen Fällen zeigt die Antwort, was wirklich auf dem Spiel steht. Dann wissen wir, woran wir nicht rütteln dürfen.

Beim Mitarbeiter ist es nicht anders. Nicht nur, wovor sein Rückzug ihn bewahrt. Auch: Was genau soll seine Mitarbeit bewirken, das ohne ihn fehlt? Wozu brauchen wir ihn an Bord, jenseits einer Stelle, die besetzt sein soll?

Verständnis allein bewegt nichts. Erst die Frage nach dem Nutzen macht daraus eine Richtung.

Was diese Frage nicht ist

Der Filter ersetzt keine Methode.

Er ersetzt nicht das klare Performance-Gespräch. Er ersetzt nicht die Prozessanalyse. Er ersetzt auch nicht die Entscheidung, sich von jemandem zu trennen oder einen Workflow zu kippen, wenn es sein muss.

Er macht diese Werkzeuge nur treffsicherer. Weil er verhindert, dass wir an der falschen Stelle ansetzen und Energie verbrennen.

Wer die Schutzlogik nicht sieht, optimiert in den Wind. Wer sie sieht, kann sie würdigen und im selben Atemzug prüfen, ob sie heute noch trägt. Das ist kein weicher Ansatz. Es ist der präzisere.

Was bleibt

Eine Universallösung für die Momente, in denen nichts mehr greift, gibt es nicht. Es gibt nur die Bereitschaft, die Frage zu wechseln, bevor wir nach Antworten suchen.

Die meisten Veränderungen scheitern nicht an der Antwort. Sie scheitern an der Frage, mit der wir starten.

Was würdest du heute anders fragen, wenn du wüsstest, dass das Verhalten einen Schutz hat, den du noch nicht kennst?


Zum Weiterlesen:

Watzlawick, P., Weakland, J. & Fisch, R.: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern: Huber.

Selvini Palazzoli, M. et al.: Paradoxon und Gegenparadoxon. Stuttgart: Klett-Cotta (zur Positiven Konnotation der Mailänder Schule).

Hinweis zum NLP: Das Konzept der „positiven Absicht“ stammt aus dem Reframing-Modell von Bandler/Grinder. Der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis des NLP als Methode gilt als nicht erbracht; die hier genutzte Grundannahme deckt sich jedoch mit etablierten systemischen und verhaltenspsychologischen Modellen.

Ralf Becker

Gründer von CoCao und leidenschaftlicher Coach und Mentor