Friction Retro: Die fehlende dritte Ebene der Teamreflexion
Das Problem mit den zwei Reflexions-Formaten
Teams haben zwei etablierte Formate für Rückblick und Verbesserung:
Das Review beantwortet: Was haben wir geliefert? Hier geht es um Output, Ergebnisse, erreichte Ziele.
Die klassische Retrospektive beantwortet: Wie können wir unsere Prozesse verbessern? Hier geht es um Abläufe, Tools, Methoden.
Beide Formate haben einen blinden Fleck: Sie ignorieren die unsichtbare Reibung zwischen Menschen.
Was fehlt: Die emotionale Ebene der Zusammenarbeit
Warum wird dieselbe Entscheidung zum dritten Mal aufgerollt? Warum entstehen bei Übergaben immer wieder Missverständnisse? Warum werden Konflikte umschifft statt geklärt?
Diese Fragen beantwortet weder das Review noch die klassische Retro. Denn hier geht es nicht um Prozesse – sondern um Dynamiken. Um das, was zwischen Menschen passiert, wenn sie zusammenarbeiten.
Die Friction Retro adressiert genau diese Ebene.
Was ist eine Friction Retro?
Eine Friction Retro ist ein strukturiertes 60-Minuten-Format, das die systemische Reibung in der Zusammenarbeit sichtbar macht – und einen konkreten Micro-Fix testet.
Die Logik: Nicht die Menschen sind das Problem. Das Design der Zusammenarbeit ist das Problem. Wenn Menschen immer wieder in ineffiziente Muster fallen, liegt es selten an mangelndem Willen. Es liegt an Strukturen, die dieses Verhalten begünstigen.
Der Fokus: Statt über Ergebnisse oder Prozesse zu sprechen, scannt das Team sechs Kategorien der Zusammenarbeit: Wie schnell und klar sind unsere Entscheidungen? Wie funktionieren Übergaben? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wo verlieren wir Fokus?
Das Ergebnis: Ein konkretes Experiment für die nächsten 7–14 Tage. Keine Grundsatzdiskussion. Keine To-do-Listen. Ein Test.
Wann eine Friction Retro sinnvoll ist
Die Friction Retro passt, wenn:
- Klassische Retros immer wieder dieselben Themen produzieren
- Prozesse „eigentlich klar“ sind, aber trotzdem haken
- Spannungen im Team spürbar, aber nicht greifbar sind
- Entscheidungen sich im Kreis drehen
- Handoffs regelmäßig zu Nacharbeit führen
Wie die Friction Retro Teil der Teamkommunikation wird
Die Friction Retro ersetzt keine bestehenden Formate. Sie ergänzt sie.
Das Drei-Ebenen-Modell:
| Format | Ebene | Kernfrage |
|---|---|---|
| Review | Leistung | Was haben wir erreicht? |
| Klassische Retro | Prozess | Wie verbessern wir unsere Abläufe? |
| Friction Retro | Dynamik | Wo bremst uns unsichtbare Reibung? |
Ein sinnvoller Rhythmus: Review und Retro nach jedem Sprint oder Monat. Friction Retro alle 4–6 Wochen – oder wenn das Team spürt, dass etwas „unter der Oberfläche“ hakt.
Das Credo
„Wir committen uns auf einen Test – nicht auf eine Wahrheit.“
Die Friction Retro ist kein Ort für Schuldzuweisungen oder Endlosdiskussionen. Sie ist ein Labor. Das Team identifiziert eine Reibungsstelle, entwickelt einen Micro-Fix und testet ihn. Funktioniert er? Behalten. Funktioniert er nicht? Anpassen oder verwerfen.
Fix the friction, not the people.